Ragtime bedeutet „zerrissene Zeit" oder „zerrissener Takt". Er ist synkopierte Tanz- beziehungsweise Unterhaltungsmusik. Synkopiert bedeutet, dass die rhythmische Struktur einer Komposition verändert wird und damit Spannung im musikalischen Ablauf erzeugt wird. Dabei wird die natürliche Struktur von Schwere und Leichte innerhalb eines Taktes umgekehrt. Durch die Synkope wird die Betonung eines schweren Taktteils auf einen leichten verschoben.

Die Geschichte des Ragtime beginnt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts im Süden der USA. Die Ursprünge liegen im Cakewalk. Der Cakewalk wurde von den Sklaven als Parodie auf die Gesellschaftstänze ihrer weißen Herren, vielleicht der französischen Quadrille, die im kreolischen Süden populär war, entwickelt. Es gab Wettbewerbe, in denen die weißen Herren wetteiferten, wessen Sklaven am besten tanzen konnten. Bei diesen Wettbewerben konnte das Paar, dass zu Banjo-Klängen, welche ein wenig an die afrikanische Polymetrik erinnerten, besonders gekonnt und schalkhaft die Hüften schwang, einen frisch gebackenen Maiskuchen gewinnen.

In den fahrenden Varietés, den Minstrel-Shows, war der Cakewalk eine Paradenummer und bildete zumeist das große Tanzfinale, bei dem Schwarze oder schwarz geschminkte Darsteller tanzten.

Als um 1880 die fahrenden Shows nach und nach durch feste Theater ersetzt wurden, stieg der Cakewalk in den Metropolen zum Modetanz auf.

Die Entwicklung vom Cakewalk zum Ragtime vollzog sich dadurch, dass das Klavier seinen Sieges-Einzug in den Wilden Westen hielt. Jeder Saloon, jede Bar, jedes Bordell besaß ein Klavier, an denen viele größtenteils schwarze Musiker saßen und für wenig Geld oder Kost und Logis spielten.

Der Ragtime entstand dadurch, dass die polymetrischen Rhythmen auf das Klavier übertragen und diese in klassische Formen des Klavierspiels eingebettet wurden

Der Ragtime verdrängte die musikalischen Gepflogenheiten der viktorianischen Ära. Er entstand als nördliches, von weißer Musik geprägtes Gegenstück zu dem vom Blues abgeleiteten Klavierstil.

Er ist vollständig durchkomponiert und es gibt keine Improvisationen in diesem Stil. Der Ragtime gab den Geist Amerikas wieder, er ist kraftvolle Musik mit einem Schuss Optimismus. In ihn konnte sich das Schaffen Schwarzer und Weißer einbringen.

Zuerst erklang der Ragtime in Rotlichtvierteln. In Bordellen strippten die Mädchen zu den Klängen und Rhythmen dieser Musik.

In die etablierte Gesellschaft schaffte es der Ragtime aber nicht ohne weiteres. So gab es Auseinandersetzungen zwischen Akzeptanz und Vorurteilen. Einige Sheriffs sollen die Verbreitung des Ragtime sogar mit der Polizei und der Armee aufzuhalten versucht haben. Einige Zeitgenossen behaupteten auch, der Ragtime sei eine Erfindung des Teufels, wie sonst ließe sich erklären, dass seine Erfinder (nur) in zwielichtigen Gegenden und Etablissements spielten?!

Dies lag daran, dass die Ragtime –Musiker zumeist Schwarze waren oder auch einige mittellose Weiße, welche nur in zwielichtigen Bordellen, Saloons und Kneipen Engagements erhielten.

Seinen großen Durchbruch schaffte der Ragtime 1904 in St. Louis. Der legendäre Ragtime – Pianist Scott Joplin zog 1900 vom Missouri – Tal, der bisherigen Hochburg des Ragtime, nach St. Louis, um dort zu komponieren und Unterricht zu geben.

Joplins Kompositionen wurden von seinem Freund, dem weißen Musikverleger John Stillwell Stark, publiziert. Dadurch wurde das Missouri – Tal zum damaligen Dreh- und Angelpunkt der damaligen Ragtime –Szene. Scott Joplin scharte in Sedalia viele junge Musiker um sich, die er förderte, so wie er als junger Musiker durch einen weißen Musiklehrer gefördert worden war.

In St. Louis traf er auf James Scott, und die Ragtime - Szene in St. Louis wurde groß. Als im Jahr 1904 die Weltausstellung, die Olympiade und der Nationalkonvent der Demokraten in St. Louis stattfanden, rückte die Stadt und natürlich auch ihre Musikszene in den Fokus des öffentlichen Interesses. Dadurch wurde der Ragtime in der ganzen Nation endgültig bekannt und somit zum Modetanz.